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Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins LandesinnereQuelle: AmazonISBN: 3462040499 11,40 EUR
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Features
Beschreibung
Grimmig dreinblickende Männer tragen Bomberjacken mit dem Aufdruck „Deutschland“ in Frakturschrift. So sehen die Fußballfans aus, zu denen Günther Wallraff in den Zug steigt – und zwar als Schwarzer verkleidet. Zügig erleben Leser, warum der Enthüllungsjournalist nur kurze Zeit später „noch nie so innige Gefühle für Polizeibeamte“ hegte.Um zu erfahren, wie sich „von oben angeheizter Rassismus im Alltag bemerkbar macht“, geht Günther Wallraff wieder verdeckt auf Recherche. Seine Erlebnisse auf der Straße, in Kneipen oder Vereinen untermauern, wie Schwarzen hierzulande immer wieder ein normales Leben verwehrt wird. Wallraff spricht dabei von einer „modernen Spielart des Rassismus“, die die Würde von Menschen nur achtet, solange sie auf Distanz bleiben.
Wallraffs Erlebnisse als verkleideter Schwarzer sind der Aufmacher des Buches. Zeitgleich machte der mutige Mahner diese Legende im Zeit-Magazin publik. Weitere Recherchen hatte Wallraff bereits vorher im selben Medium etappenweise offenbart. Im Vergleich zu früher sind die Resultate seiner Arbeit jedoch weniger spektakuläre Enthüllungen, vielmehr die Dokumentation bestehender Missstände. Denn dass das Leben als Obdachloser bei Minustemperaturen hart ist, wussten wir bereits.
Des Weiteren lernen Leser, wie Callagenten in einem schleichenden Prozess zu routinierten Betrügern werden, dass für Lidl keine großen Brötchen gebacken werden – oder dass in Küchen und im Servicebereich teils verdammt lange Schichten gefahren werden. Zudem deckt das verkörperte schlechte Gewissen der Nation auf, wie verkaufswillige Unternehmer mittels skrupelloser Paragraphenreiter gegen eigene Mitarbeiter vorgehen. Eine zusätzliche Bahn-Doku stammt noch aus Zeiten von Hartmut Mehdorn.
Ideen zu den Recherchen kamen teils von Hilfe suchenden Landsleuten, und ein Paar Mal wurde der „verdeckte Ermittler“ erkannt. Dennoch trägt Wallraffs Arbeit gestern wie heute dazu bei, Licht in die dunklen Ecken unserer Gesellschaft zu bringen. Trotz zu erwartender hoher Verkaufszahlen wird Aus der schönen neuen Welt allerdings nicht an den Millionenerfolg von Ganz unten aus den achtziger Jahren herankommen – weniger, weil Wallraff an Schlagkraft eingebüßt hat, vielmehr, weil wir in den letzten zwanzig Jahren viele Illusionen verloren haben, wozu der mutige Journalist immer wieder entscheidend beigetragen hat.
– Herwig Slezak
Kunden Meinungen
Na ja... Was erwartet man auch...
Datum:17.05.2010 - Rating: 3/5Das Buch in meinen Augen mittelmäßig
Allgemein:
Wallraff steht für Reportagen. Reportagen sind nüchtern ohne damit zwangsläufig langweilig zu sein. Diese hier sind aber teilweise nüchtern UND langweilig. Der Aufbau einiger Berichte wirkt wie aus immer gleichen Textbausteinen zusammengesucht ("Ich entscheide mich dies und das zu tun"; es folgt die Bestätigung des Vorurteils. Die Probanden reagieren wie erforderlich.). Das Ganze wirkt nur, wenn man der versteckten Manipulation erliegt und sich dann auch empört. Dann ist es auch nicht mehr langweilig, kann ich mir vorstellen.
Inhaltlich teilt sich das Buch eigenen Undercoverberichte und recherchierte Berichte.
Seine eigenen Undercover Berichte:
Schwarz auf Weiß:
Die mit Abstand schwächste Geschichte des Buches bleibt durchweg blass. Ich finde die Szenen, in denen der alltägliche Rassismus nachgewiesen soll, in ihrer Mehrzahl nicht gelungen. Wallraffs immer gleiche Schlussfolgerung für die erfahrene Ablehnung lautet "Rassismus". Ich kann diese Folgerung aber nicht in jedem Fall teilen. So, wie er sein Verhalten in einigen Szenen beschreibt, wäre er wahrscheinlich jedem auf den Wecker gegangen, und zwar unabhängig von Hautfarbe, Nasenform, Haarfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder was man sonst als Diskriminierungsgrund finden kann. Platt konstruiert wird uns der Rassismus durch die Hintertür angehängt. Er verrät uns leider nicht immer, wie seine Teammitglieder als Gegenprobe aufgetreten sind. Hauptsache, es gelingt, hier und da ein paar politisch unkorrekte Bemerkungen aus den Leuten herauszuholen.
Tiefpunkt seiner "Recherche": Besuch eines Fußballspiels zweier Ostclubs. Was erwartet Wallraff zu beweisen, wenn er ein Fußballspiel zweier Clubs besucht, deren Fans deutschlandweit für Ihre Gesinnung bekannt sind?
Unterm Strich: Diese Reportage zündet nicht.
Unter Null:
Habe ich nicht zu Ende gelesen, deshalb kein Kommentar.
Bei Anruf Abzocke:
Es scheint, das Thema dieses Berichts kommt seiner Lesbarkeit entgegen. Die Einblicke, die Wallraff uns von der anderen Seite des Telefonterrors gibt, sind durchweg interessant. Drückerkolonnenmentalität, mangelndes Unrechtsbewusstsein, Selbstgerechtigkeit der Akteure und der Druck. Hier werden Leute zu Betrügern ausgebildet, folgert Wallraff. Nicht ganz zu Unrecht, wie es scheint.
Kleine Brötchen für Lidl:
Interessant finde ich hier, dass es der Unternehmer geschafft hat, sich tatsächlich von einem einzigen Abnehmer (Lidl) abhängig zu machen: Wallraff als Bäckerbursche. Die Arbeitsbedingungen erinnern manchmal an ein Stahlwerk (Hitze, heiße Bleche, Brandwunden). Betriebsratsmobbing gehört zum Alltag. Bei aller Sympathie für die Betroffenen stört mich der Ansatz von manipulativer Schreibweise durch Wallraff.
Zeugengeschichten:
(Durchweg als Opfergeschichten aufgezogen. Wallraff wird hier z.T. manipulativ. Mich stört das)
Unfeine Küche:
Die abartigen Arbeitszeiten der Gastronomie sind kein Geheimnis. Damit kokettieren die Starköche auch gelegentlich in der Öffentlichkeit. Man fragt sich mit Wallraff zu Recht, warum die Aufsichtsbehörden hier untätig bleiben und den Gesetzen keine Geltung verschaffen. Das teilweise sektenartige Zusammenhalten der Beteiligten scheint ein gemeinsames Strickmuster in vielen Unternehmen zu sein, in denen Arbeitszeiten über Gebühr lang werden.
Schöne heile Kaffeewelt:
Siehe unfeine Küche - nur auf amerikanisch, aber mit allen einschlägigen Zutaten wie schon zuvor.
Die Bahn entgleist:
Ein Agentenroman mit Mehdorn als Goldfinger, aber es fehlt James Bond, der ihn zur Strecke bringt. Wirklich interessante Einblicke ins Innenleben der Bahn. Wer regelmäßig Bahn fährt und unzufrieden ist, weiß danach warum. Man fragt sich, ob private Unternehmen wirklich alles besser können als staatliche, oder ob sie es nur so aussehen lassen können. Gerade bei der Bahn gibt es schon Gegenbeispiele, z.B. die nach der Privatisierung verkommene Infrastruktur in Großbritannien.
Mit aller Gewalt - Anwälte des Schreckens:
Ein Verschwörungsroman, offenbar auf wahren Geschichten basierend. Wallraff zeigt uns, wie erfinderisch Arbeitgeber sein können, wenn sie missliebige Leute loswerden wollen. Falls sie sich also über so manches seltsame Ereignis wundern... Wer schon mal in einer Personalabteilung gearbeitet hat, wird vieles bestätigen können.
Mein Fazit:
Ein Buch mit Stärken und Schwächen was den Gehalt und die Qualität der Berichte angeht. Wallraffs zuweilen manipulative Vorgehensweise missfällt mir allerdings. Insgesamt: Hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Mittelmäßig.
Eine investigative Meisterleistung- Leider gibt es nicht so viele davon
Datum:23.04.2010 - Rating: 5/5Als Jugendlicher habe ich "Ganz Unten" gelesen und war schon damals von Wallraffs Fähigkeit sich in eine fremde Rolle zu begeben Missstände zu durchleben und sie dann öffentlich aufzudecken fasziniert. Auch in seinem neuen Buch leistest Günter Wallraff ganze Arbeit auf diesem Terrain und ich war gespannt es zu lesen und wurde nicht enttäuscht.
Die Kapitel sind alle für sich genommen aufschlussreich und decken zusammengenommen viele Missstände auf und zeigen das heutzutage es in der Öffentlichkeit größtenteils keinerlei Nischen mehr gibt in denen man in Ruhe und Frieden leben kann, geschweige denn arbeiten und angemessen bezahlt wird.
Auch in weiteren Berichten zeigt Wallraff wie es hierzulande den Bach runter geht wie kriminelle Arbeitgeberanwälte und
das Unternehmen Starbucks Coffee die Arbeitnehmer und engagierte Gewerkschafter knien lassen.
Ich wünsche mir für die Zukunft mehrere solcher Bücher die die asozialen und menschenfeindlichen Machenschaften der oberen Zehntausend
aufdecken und einer breiten Öffentlichkeit publik machen.
Mittelalter und Frühkapitalismus im 21. Jh. - hautnah erlebt
Datum:06.04.2010 - Rating: 5/5Ende März 2010 stellte Günter Wallraff sein neues Buch in unserer Stadt vor. Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung ergab sich für interessierte Zuhörer die Gelegenheit persönlich mit dem Autor ins Gespräch zu kommen.
Meine etwas provokante Frage: Können Sie sich vorstellen, dass ein Arbeitgeber einen Bewerber im Vorstellungsgespräch einen Bewerber ablehnt, weil er so ähnlich aussieht wie Wallraff und den Bewerber so um eine Job bringt?"
Günter W. schmunzelte: "Sie werden lachen - das ist schon passiert, öfter. Ich brauche mir das deshalb nicht vorzustellen." Was er nicht dazu sagte, aber vielleicht dachte (mir ist das beim Lesen des Buches schnell deutlich geworden) - der Bewerber sollte dankbar sein, dass er nicht eingestellt wurde, aber er ahnt es nicht.
Ich habe nicht vermutet, dass in Deutschland das Mittelalter noch so präsent ist.
Einige Beispiele der Beispiele, die der Autor im aktuellen Buch darstellt:
- Als Betrüger in Callcentern wider besseren Gewissens Privat- und Geschäftsleuten unsinnige Dinge aufschwatzen: etwa Texte, die man kostenlos im Internet finden kann; Lotterielose zu vielfach überhöhten Preisen unter Verschweigung der Tatsache, dass man den ohnehin sehr unwahrscheinlichen Gewinn mit Tausenden Kunden teilen muss, natürlich unter Verstoß gegen das UWG...
Besonders perfider Aspekt: Wer aussteigt, weil sein Gewissen dagegen spricht, wird mit Sperre von ALG oder HartzIV bestraft, weil er die Kündigung selbst verschuldet hat!
- Eingeschlossen werden als Obdachloser" in einer extrem kalten Winternacht in einem Bunker aus dem letzten Krieg in Hannover mit einem Mike-Tyson-Typen" (bullig, dümmlich und extrem aggresiv), der sich im Drogenrausch in seinen Gewaltphantasien immer mehr auf den Autor fixiert - aber der hat keine Chance zu entkommen.
- Gnadenlose Ausbeutung hinter den noblen Kulissen eines Luxusrestaurants, auch gegenüber Lehrlingen
- Völlig unzumutbare Arbeitsbedingungen unter massivem Verstoß gegen Arbeitsschutzbestimmungen bei einem Zulieferbetrieb einer bekannten Supermarktkette, die bereits 2008 durch massiven Verstoß gegen den Datenschutz und durch Bespitzelung von Mitarbeitern aufgefallen ist
- Als Schwarzer in Deutschland - kein Antidiskrimierungsgesetz schützt davor, ständig diskriminiert zu werden: stets, immer wieder, bei jeder Gelegenheit - auch 2009. Natürlich provoziert Wallraff auch ein wenig, aber warum auch nicht. So etwa, als er im erzkonservativen Rosenheim auf einem Amt auftritt und fragt, wie man zu schnell zu einer Jagderlaubnis kommt oder in einem Fanzug eines Brandenburger Zweitligavereins, dessen Anhänger oft rechtstendenziell eingestellt sind.
Aber auch im angeblich weltoffenen Köln mit 2000jähriger Einwanderungspraxis waren die Erlebnisse nicht besser: Wallraff versucht als Schwarzer eine Wohnung zu mieten. Die Vermieterin steht vor dem Nervenzusammenbruch und kann sich nicht beruhigen. Noch viel später bringt sie es einem anderen potenziellen Mieter (der ein MA aus Wallraffs Team ist) ganz prägnant auf den Punkt:
"GANZ SCHWARZ - GANZ SCHLIMM!"
Kaum zu glauben...
Datum:22.03.2010 - Rating: 5/5was uns Günter Wallraff da aus dem Herzen Europas, das eigentlich Impulsgeber für weltweite humane Entwicklung sein sollte, berichtet.
Was da im Neonlicht der Fabriken und Büros an Raffgier, Zynismus und Mobbing um sich greift, würde man erwachsenen Menschen an sich gar nicht zutrauen.
Die Reportagen über Supermarktzulieferer, Callcenter-Praxis und stumpfer Kommerz-Hörigkeit gipfeln schließlich in einem Bericht über die Machenschaften des skrupellosen Arbeitgeber-Anwalts "Nau-Joker", der ähnlich wie der "Batman-Joker" im jüngsten Kino-Film eine Spur menschlicher Verwüstung hinterlässt, ohne dass ihn ein Gericht oder die Anwaltskammer zur Rechenschaft zieht.
Wie auch immer, das Wahrnehmen solcher Dinge sollte nicht zu einer Resignation führen, sondern kann vielmehr ein Ansporn zu umso deutlicherer Positionierung als Mensch sein. Wallraff leistet seinen Beitrag, indem er sich als betagter Mann (er war bereits im Rollstuhl) nochmals ins Rennen wirft, schinden lässt und bei -15°C sogar den Erfrierungstod riskiert.
Wir können nun nicht alle Enthüllungsjournalisten sein, aber dennoch kann jeder ebenfalls seinen Beitrag leisten, damit diese Welt für unsere Mitmenschen ein kleines bisschen lebenswerter wird: durch ein gutes Wort, einen freundlichen Blick, durch Rückgrat behalten inmitten all dieser sozialen Kälte. Das wiegt in heutiger Zeit vielleicht mehr als jemals zuvor.
Dann war Wallraffs Arbeit nicht umsonst.
Erschreckend
Datum:21.03.2010 - Rating: 4/5Erschreckend, einfach erschreckend was sich so alles in unserer schönen neuen Welt tut und vor allen Dingen, von wem es gedeckt wird. Und gegen wen entgegen besseren Wissens nicht vorgegangen wird. Ich war erschüttert und entsetzt. Absolut empfehlenswertes Buch.
